Woche neun begann anders, als ich es erwartet hatte. Ich bin wieder zum Hauptbahnhof gegangen, aber diesmal fühlte es sich nicht einfach wie eine Reise an. Es war eher, als würde ich zu etwas hingehen, das ich selbst noch nicht ganz verstanden habe. Ich war auf dem Weg zu Marcel. Und irgendwie wusste ich, dass diese Woche mehr wird als nur Termine und Gespräche.
Im Zug habe ich „The Great Escape“ geschaut. Einer dieser Filme, die dich nicht einfach unterhalten, sondern etwas in dir auslösen. Die meisten schaffen es nicht. Sie sterben auf dem Weg in die Freiheit. Und das klingt vielleicht dramatisch, aber genau das habe ich gespürt. Freiheit ist nichts Leichtes. Sie ist roh. Sie kostet etwas. Und meistens mehr, als man denkt.
In Düsseldorf angekommen hatte Marcel noch zu tun. Also bin ich einfach losgelaufen. Ohne Ziel. Irgendwann bin ich im japanischen Viertel gelandet. Andere Schriftzeichen, andere Läden, eine andere Atmosphäre. Nach Wochen voller deutscher Strukturen hat sich das angefühlt wie ein kleiner Ausbruch. Wie ein kurzer Blick in eine andere Welt.
Später bin ich in mein altes Kino gegangen. Ein Ort, an dem ich früher viel Zeit verbracht habe. Und plötzlich war alles wieder da. Erinnerungen, Gefühle, eine Version von mir, die ich fast vergessen hatte. In dieser Nacht habe ich einfach geschlafen. Zwölf Stunden. Komplett weg. Mein Körper hat einfach entschieden, dass es reicht. Und vielleicht war genau das nötig. Ein Reset.
Der Abend mit Marcel und Julia bleibt privat. Aber sagen wir so: Pizza, Gespräche und „The Revenant“. Und am nächsten Morgen kam die Nostalgie.
Ich stand wieder in meinem alten Büro. Oder besser gesagt, in dem, was einmal mein Büro war. Heute ist es ein Equipment-Verleih. Aber ich habe jede Ecke erkannt. Die Couch, die ich damals reingestellt habe. Das kleine Studio, in dem wir unzählige Projekte gedreht haben. Die Stellen, an denen Ideen entstanden sind, an denen Geld verdient wurde, an denen etwas aufgebaut wurde. Und plötzlich war da dieses Gefühl. Melancholie. Weil alles weitergeht, auch ohne dich.
Danach ging es zu meinem alten Dönerladen in Neuss. Der Besitzer hat mich sofort erkannt, hat uns Essen hingestellt, als wäre keine Zeit vergangen. Und ich habe einen alten Schauspielkollegen wiedergetroffen. Momente wie diese zeigen dir, dass manche Verbindungen einfach bleiben.
Und dann kam Marcels „kleiner Plan“. Ein Kameratest, hat er gesagt. Wir fahren Richtung Köln, Equipment checken. Klingt logisch. Bis es das nicht mehr war. Plötzlich sind wir auf der Autobahn Richtung Niederlande. Utrecht liegt hinter uns und ich merke, das hier ist kein Zufall.
Amsterdam.
Und dann habe ich verstanden.
Es ging nie um Kameras. Es ging um mich.
Marcel wusste, dass ich unten bin. Dass etwas in mir gerade nicht stimmt. Und er hat sich erinnert. An München. An dieses Konzert. An den Moment, in dem ich einfach frei war. Und er wollte mich genau dahin zurückbringen.
Wir sind zu Madame Tussauds gegangen. Taylor Swift, als Wachsfigur, in genau dem Outfit meines Lieblingsalbums. Und ja, man kann darüber lachen. Aber in diesem Moment war es real. Mein Atem hat gestockt. Für einen kurzen Augenblick war ich wieder da. Leicht. Frei. Lebendig.
Wir haben gelacht, Fotos gemacht, sind durch Amsterdam gelaufen wie zwei Kinder, die einfach blau machen. Keine Verantwortung, keine Gedanken, nur Bewegung.
Ein irischer Pub, Guinness, steile Treppen, die dich jederzeit umbringen könnten. Die Stadt pulsiert unter dir und du merkst, dass du wieder fühlst.
Am nächsten Tag zurück in Deutschland. Ein Stop an einem amerikanischen Diner an der Autobahn. Neonlicht, Booths, sogar ein kleiner Roboter, der Essen bringt. Und trotzdem, obwohl es nur eine Nachahmung ist, fühlt es sich echt an. Dieses amerikanische Gefühl. Diese Offenheit. Dieser Vibe. Für einen Moment fühlt es sich an wie Zuhause.
Dann doch wieder Arbeit. Kamera-Tests. Sony FX6, verschiedene Linsen, Licht, Bilder. Das, was am Ende zählt. Das, was ich erschaffen will. Für einen Moment verschmelzen Technik und Vision wieder.
Die Nacht endet mit Wein, Gesprächen und einem Rennen gegen die Zeit, um meinen Zug zu erwischen. Natürlich verspätet. Deutsche Bahn. Aber irgendwie passt auch das.
Am nächsten Tag direkt weiter. Kaum Schlaf. Ein Sportevent bei 50 Grad, ohne Klimaanlage. Deutschland in einem Satz. Ich habe mich durchgeschlagen, bin durch Rasensprenger gelaufen wie ein Kind, einfach um klarzukommen.
Abends kommt Tim. Wir gehen essen, trinken zu viel, lachen zu laut. Einfach leben. Am nächsten Tag ein Spaziergang, ein Geburtstag, neue Menschen. Und plötzlich landen wir in einer neuseeländischen Community-Nacht. Botschaft inklusive. Quiz, Gespräche, neue Verbindungen.
Wir verlieren das Quiz komplett. Bekommen einen Trostpreis. Und trotzdem fühlt es sich an wie ein Sieg.
Und dann noch eine letzte Idee. Ich rufe Gary an. „Organisier mir einen Abend. Für mich und Tim. Etwas, das wir nicht vergessen.“ Und natürlich liefert er. Er zieht uns in einen Club, mitten rein. Musik, Menschen, Energie.
Wir tanzen, als gäbe es nichts anderes. Ziehen fremde Leute mit rein, verlieren uns komplett in diesem Moment. Am Ende sind wir fertig. Körperlich am Limit, aber lebendig.
Am nächsten Morgen Frühstück. Sonne im Gesicht. Keine Worte nötig. Biergarten, Pommes, Gespräche. Langsam werden. Und trotzdem arbeiten wir weiter. Kaffee, Laptop, Systeme, Ideen. Weil selbst im Chaos etwas aufgebaut wird.
Ein letztes Abendessen mit Tim. Und dann ist die Woche vorbei.
Woche neun war keine klare Geschichte. Es war ein Hin und Her zwischen Erinnerungen und neuen Momenten. Zwischen Absturz und Wiederaufstehen. Zwischen Chaos und Klarheit.
Aber vor allem war es eine Erinnerung daran, dass du manchmal raus musst, um dich selbst wiederzufinden.
Das ist Schnitzel Goes to Hollywood. Bis nächste Woche.
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